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Jolanthe - Lyrische Oper in einem Akt von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

nach dem Schauspiel "Kond Renés Datter" von Henrik Hertz

Libretto: Modest Tschaikowsy

Hintergrund der Oper ist der Kampf zwischen Anjou und Lotharingen in der Zeit zwischen 1430-1473


Handlung:
Jolanthe, König Renes schöne Tochter, ist seit ihrer Kindheit blind, weiss aber nichts davon. Eines Tages kommt der Arzt Ibn-Jahia zu dem König und erklärt ihm, dass er das Mädchen heilen kann, wenn sie weiss, dass sie blind ist. Der König wagt nicht, seiner Tochter die Wahrheit zu sagen, er hat auch seinem Hofstaat befohlen, nichts von ihrem Gebrechen zu verraten. Eines Tages verirren sich der Herzog von Burgund und sein Freund Vaudemont in den sonst nicht zugänglichen Garten, in dem sich Jolanthe aufhält. Der Graf sieht das reizende schlafende Mädchen und ist von ihr entzückt. Als Jolanthe erwacht, fühlt sie tiefe Liebe zu dem Mann, dessen Stimme so freundlich klingt und erfährt von ihm, als der Fremde weisse und rote Rosen begehrt, dass sie blind ist. Jetzt regt sich in ihr der Wunsch, sehen zu können, Ibn-Jahia wird geholt. Durch seine Kunst wird Jolanthe sehend, ihr dankbarer Vater vereinigt die Liebenden. Herzog Robert, dem das Mädchen bestimmt war, muss verzichten.

weitere Informationen folgen...


Hintergrundinformation:

TSCHAIKOWSKI (1840-1893), der »westlichste« unter den russischen Komponisten, entdeckte 1883 im RUSSISCHEN BOTEN das nach einem Motiv HANS CHRISTIAN ANDERSENS geschriebene Theaterstück KONG RENÉS DATTER des dänischen Autors HENDRIK HERTZ (1798-1870). Er war von dessen poetischen Momenten begeistert. 1888 (dem Jahr seiner V. SINFONIE) sah er das Stück in Moskau: sein Bruder MODEST TSCHAIKOWSKI, der Dramatiker war, musste ihm daraus ein Opern-Libretto fertigen.

Mitte Januar 1891 wurde TSCHAIKOWSKI vom Petersburger Theater eingeladen, für einen Abend zwei Werke zu komponieren, einen Operneinakter und ein Ballett. Sujet des Balletts war DER NUSSKNACKER, als Opernstoff setzte TSCHAIKOWSKI JOLANTHE durch. Über die Arbeit schrieb er:
»Das Wichtigste ist, das Ballett aus dem Weg zu räumen. (...) Ich bin so an der Oper interessiert, und der Stoff gefällt mir so gut.«

Trotz anfänglicher Schreibblockaden entstand das Werk in einer Art Schaffensrausch im Spätsommer 1891. Zur Uraufführung kam es erst im Dezember 1892. JOLANTHE wurde nicht verstanden und, wie das Ballett, von der Presse schlecht behandelt. Die Oper hat außerhalb Russlands nie das Publikum erreicht, anders als später DER NUSSKNACKER, der zu einem der größten Welterfolge der Musikgeschichte überhaupt wurde.

Doch TSCHAIKOWSKIS letzte Oper ist ein Resumé seiner musikdramatischen Kunst, und zwar außerordentlich durchdacht und vielschichtig, ein letztes Werk: von allergrößter Klarheit. Wenn man nicht versucht, etwas darin zu finden, was es niemals bieten kann, so wird diese Parabel von verbotener Liebe und Leidenschaft, von der Einheit der Gegensätze, überzeugen und ergreifen. - Freilich wird der augenfällige politische Konflikt zwischen dem autoritären Vaterprinzip und dem ganzheitlichen Liebesprinzip nicht bis in seine Konsequenz ausgetragen. Dennoch gibt der - ideologisch naive - Tschaikowski eine (unautoritäre) Gesellschaftsvision am Ende, die ebenso erstaunt, wie sie ignoriert wurde...

Die Liebenden sind einander nicht Trophäen, Prestigeobjekte, Anpassungs- oder Siegeszeichen, die etwa den Zugang zu Erfolg und Macht verheißen (wie z.B. in der ZAUBERFLÖTE, den MEISTERSINGERN oder OTELLO). Sie sind Gleiche, die sich zunächst nichts garantieren, als sich selbst: sie stehen sich nicht als Verkörperungen von anderen (ökonomischen, gesellschaftlich definierten) Funktionen, Hierarchien oder Bedeutungen (Imagos) gegenüber, die ihren »Wert«, ihren »Begehrens-Wert« steigern. Vaudémont hält um die Hand einer Blinden an, die vielleicht nie geheilt wird, und ohne zu ahnen, dass er dies einem König gegenüber wagt. Jolanthe liebt in ihm nur sein aus Stimme, Rede und Duft sprechendes Selbst, weder Rang, noch Ansehen. In den bürgerlichen Opern der Zeit sucht man ähnliche Konstellationen vergeblich. Jolanthe, die letzte und konsequenteste in der Reihe von TSCHAIKOWSKIS starken Frauengestalten, muss für ihren Anspruch nicht, wie Carmen, Violetta oder noch Lulu und Geschwitz, getötet werden (ganz zu schweigen etwa von Analogien bei BRITTENS Billy Budd oder noch Aschenbach im TOD IN VENEDIG, fast hundert Jahre später). - TSCHAIKOWSKIS spätes Werk ist wie ein Blitz aus einer Zukunft, die wir nicht sehen, völlig glücklich...

So mag JOLANTHE vielleicht seine persönlichste und quasi intime Antwort auf WAGNERS TRISTAN sein (auch Bezüge auf das Werk VERDIS lassen sich finden). Die Motive sind gespiegelt. Die Proportion ist menschlich, heiter, dem Leben zugewandt: von der Schwelle des Todes (ohne es zu ahnen), wendet sich TSCHAIKOWSKI noch einmal um, reingebrannt von Qualen und Kämpfen, lächelnd.

Interessant nämlich ist, dass der hypersensible TSCHAIKOWSKI eindeutig das »Schicksalsthema« seiner V. SINFONIE e-moll (1888) ausgerechnet in der allegorischen JOLANTHE wieder aufgreift und in ihrer zentralen Szene, positiv gewendet, als Motiv für Vaudémonts Lob des Lichtes einsetzt, das Jolanthe zitiert, beide dann im Duett und auch in der Erkennungsszene singen. - Das Finale, in dem niemand bestraft wird oder entsagen muss, zeigt uns nichts anderes als die Vision von einer Gesellschaft ohne Ausgrenzung, die der (sexuelle, somit gesellschaftliche) Außenseiter TSCHAIKOWSKI mit dieser Oper träumt...

Dieser heitere Traum erweist sich für ihn als absolute Utopie. Die Lebensrealität schließt ihn - im Gegenteil - aus. Die »fleischliche Welt« gar (zumal eines homosexuellen Komponisten im 19.Jahrhundert!) bleibt gesellschaftlich abgetrennt vom Geistigen, Kulturellen. - Von daher erscheint es fast zwingend, dass nach solch einer künstlerischen Errungenschaft dem Komponisten 1893 nur seine musikalische Autobiografie, die VI., die radikale SYMPHONIE PATHÉTIQUE, zu schreiben bleibt, in der er das eigene Schicksal zu höchstem Ausdruck bringt - und sogar darüber, gewissermaßen »erschöpft«, eine Woche nach ihrer Uraufführung stirbt. - Somit steht JOLANTHE als TSCHAIKOWSKIS dramatisches Mittelstück zwischen der V. und der VI. SINFONIE und bildet mit diesen Werken bis in die musikalische Substanz inhaltlich-thematisch eine Art: Trilogie des Schicksals.